Wiedergeburt
Zur gleichen Zeit gebar sich Hana aus den Wurzeln des alten Baumes, zu dessen Füßen sie begraben lag. Man hatte sie in Schutt und Asche gelegt, hatte ihr ein Loch gegraben, hatte sie mit Erde bedeckt. Für die Rückkehr in die Tiefe aus der sie einst gestiegen war. Nun bebte die Erde, rüttelte sich und damit den Boden, der nun loslassen konnte, was an die Oberfläche wollte. Die Wurzeln waren die Hebammen des Waldes und schoben, zogen, hoben das zu Gebärende aus dem Hummes, der aufbrach und ihn frei gab, den Körper der Hana.
In sich gerollt liegt er geschützt im Wald. Sanft, sanft nährt ihn das durch das Blätterdach fallende Sonnenlicht. Gebettet in die Geschichten des Waldes, das Pumpen seines Herzens, das Leben in der Erde - das ihr Grab und Gebärmutter ist. Durch ihre Nase dringt die Feuchtigkeit, dringen die Bakterien, dringt das Leben ein. Es findet sie, findet sich in jeder Ader, jeder Zelle. Das Pumpen des Waldes geht auf sie über und so beginnt ihr Herz von Neuem zu schlagen. Es pumpt das braune Blut des Waldes und färbt es rot. Druck baut sich auf an ihren Knochen, in ihrem Fleisch, unter ihrer Haut, hinter ihren Augen. Etwas regt sich, wird sichtbar. Hana bewegt sich. Ihr Herz bewegt sie. Bewegt ihren Arm, öffnet ihre Brust, ihre Schenkel, lässt sie auf den Rücken rollen. Ihre Finger graben sich in die Erde, ihr Kopf schmiegt sich in den Grund und versetzt die Wirbelsäule in eine sich schlängelnde Bewegung. Worte formen sich.
„Ich bin dein“, atmet sie in die Tiefe.
„Ich bin dein“, steigt aus ihr empor und schiebt ihren Kopf in die Höhe bis sie sitzt. Die Schlange bahnt sich ihren Weg nach oben lässt jede Schicht schwingen und sich ausbreiten, ausdehnen.
Mit einem Satz dreht es Hana um. Sie stützt sich mit ihren Knien und Händen am Boden ab. Immer stärker will die Wirbelsäule schwingen, aus dem Becken über den Rücken und den Nacken bis zur Spitze in ihrem Kopf. Immer stärker wird die Kontraktion ihres Bauches, ihres Zwerchfells, immer tiefer, lauter wird die Atmung, immer weiter dehnt sich die Brust, die Kehle als wollte etwas raus, als bahnte sich etwas seinen Weg aus der Tiefe. Hana gurgelt, schreit, würgt und reißt zugleich ihren Mund und die Augen auf, die sehen, wie der schwarze Ball zu Boden fällt. Sie hält sich noch aufrecht, will nicht in sich zusammensinken, obwohl alles zittert, alles bebt. Sie will zusehen wie das Alte in ihrem Grab zurückbleibt. Wie das Vergangene vergeht. All das Verbrauchte, Unverdaute, Überflüssige. All das, das durch den Sprung in der Zeit an Bedeutung verloren hat. All das, was ihr auferlegt worden war.
Sie sieht es vor ihren Augen verrotten. Bezeugt seinen Untergang. So steht sie auf, während die Erde von ihr abfällt und geht den ersten Schritt.
Text & Sprecherin: Magda Hassan