Chronos

Chronos
Magda Hassan

Chronos sitzt am Fluss des Lebens und regelt seinen Lauf. Sie sieht sich selbst im Spiegelbild des Flusses, verzerrt und klar, jung und alt. Sie ist jedes Alter zugleich. Ihr Jetzt ist das Schauen in den Fluss. Durch sie wird aus dem stillen Wasser ein bewegter Fluss. Ein Fluss mit Steinen, mit Dämmen aus Bäumen im Bett. Das Wasser fließt, wirbelt, stößt auf Widerstände, auf Gegenstände, auf die Materie der Wirklichkeit. Das Wasser kann nur sein in ihr. Nur sein im Bett der Wirklichkeit. Im Bett, das es trägt. Das Wasser wirbelt, gluckert, hält sich fest. Dann erst geht es weiter. Wieder und wieder, weiter und weiter. 

Chronos beobachtet ihren Fluss. Beobachtet, was im Fluss liegt. Sie sieht die Steine, sieht die Äste, sieht ihren Einfluss auf den Fluss. Chronos liest die an ihr vorüber fließende Vergangenheit, die aus der Gegenwart eine Geschichte macht. 

Ich setze mich zur ihr und folge ihrem Blick.

Sie greift in das Wasser, greift nach einem Stein und holt ihn hervor. Holt ihn heraus, um ihn mir zu zeigen. Liebevoll streicht sie darüber, streichelt ihn. Hält ihn mit beiden Händen vor ihr Gesicht, in dem sich die Mutter spiegelt, die wissende, die tragende, die nährende. Schau nur, sagt sie, hör nur zu, wie er flüstert, wie er schreit. Er hat den Lauf der Zeit verändert. Hat sich ihm entgegengestellt. Ich schaue, lese und verstehe und beinahe ist es so, als hätte sich ein Stein in mir gelöst. Mein Herz schlägt, mein Blut fließt - freier als je zuvor. So leicht war es noch nie. So leicht zu sein.

Chronos lächelt, Chronos weint. 

Ihre Falten fliegen über ihr Gesicht. In Wirbeln und Wellen ordnen sie sich neu und mit einem Mal sitzt ein Kind vor mir. Das Kind, das Chronos ist, hält den Stein mit einer Hand. Lässt ihn verspielt in die andere fallen und wieder zurück. Chronos steht am Ufer und lacht. Es freut sich über sich und mich am Fluss. Freut sich über die Bewegungen des Wassers und all die schönen Steine darin. Es hebt die Hand mit dem Stein darin. Hoch über seinen Kopf. Und ehe ich reagieren kann, wirft es ihn in hohem Bogen in den Fluss. Es lacht. Ich aber erschrecke mich. Und so greife ich an mein Herz. Und erwarte, dass es fällt. Dass es wieder schwer in sich zusammensinkt. Es aber bleibt. Bleibt leicht, bleibt offen, bleibt. 

Chronos nimmt meine Hand, zieht mich hoch, zieht mich mit sich. Mit sich in den Fluss. Das Wasser greift mich an den Füßen. Ich stemme mich in den Boden. Ich halte mich an den Steinen, die mich halten. So gehen wir Schritt für Schritt in den Fluss, in das Wasser, das unentwegt an meinen Beinen und Händen vorbei weiter fließt. Ich vermag es nicht anzuhalten. Es aber könnte mich mit sich ziehen. Und in all dem Ziehen, in all der wirbelnden Bewegung erkenne ich die Ruhe. 

Der Fluss liegt im Bett und fließt. Wie ich in meinem Körper liege und fließe.

Chronos bleibt stehen und deutet mir hinab zu schauen. Hinab in den Fluss, in dem der Stein liegt. Der Stein, der gerade geworfen, einen neuen Platz gefunden hat. Das Wasser wirbelt, das Wasser tanzt. Umtanzt ihn, umgarnt ihn, umarmt ihn. Das Wasser spielt mit ihm, ehe es wieder loslässt, wieder und wieder loslässt und weiterfließt. 

Gleich daneben bilden mehrere Steine eine kleine Einheit, formen ein Becken, das das Wasser ruhen lässt. Hier scheint es selbst ganz still, als hätte es vergessen, dass es das Wasser ist, das fließt. Mit meinem Gesicht ganz nah erkenne ich die Umkehrung von Innen und Außen im Wasserbecken. Nach außen ruhig wie ein Stein, wirbelt und strömt und dreht er sich innerlich.

Chronos setzt sich neben mich in den Fluss. Wieder beginnt das Gesicht zu fließen, Falten zu werfen, die in seinem Antlitz tanzen und Wellen schlagen. Chronos ist der Vater, der haltende, der weisende, der schützende. Er kennt den Fluss, kennt seine Zeiten.

Chronos streicht über den Stein aus Wasser und erinnert ihn an sein wahres Sein. Das Wasser sinkt, das Wasser springt und etwas springt in mir. Springt über die Widerstände, springt von innen nach außen und erinnert mich, dass ich Teil des Flusses bin. Dass ich Wasser bin. Dass ich fließe, dass ich singe, dass ich spiele – mit den Steinen der Vergangenheit. Dass mein Jetzt das Fließen ist, das mich sein und werden lässt.  

So lasse ich los und Chronos hinter mir. Chronos in mir. 

Text & Sprecherin: Magda Hassan

Magda Hassan