Das Ei
Wie ein Mahnmal ragt es vor mir gen Himmel, das Ei. So groß, dass ich kaum sicher sein kann, ob es tatsächlich ein Ei ist und nicht der Mond, der der Erde zu nahe gekommen, nun an ihrer Hitze schmilzt, an ihrer Sphäre zerfließt. Ich stehe davor und wage nicht, es anzugreifen. Das riesige Ei ohne Schale, so weich und weiß sieht es aus. Mit einer ganzen Welt darin. Mit einer ganzen Armee von Wesen und Dingen, die darin eingeschlossen wachsen und gedeihen. Ihre Bewegungen brechen das Licht, durchbrechen es und werfen ihre Schatten voraus.
Jetzt steht es da und ich weiß nicht, wie ich es nicht habe sehen können. Wie ich es so lange nicht gesehen habe. Das Ei und die Wesen, die von innen heraus dagegen drängen. Mit ihren Schatten an der dünnen Haut, die gerade noch weiß und nicht durchsichtig ist. Gerade noch so, dass ich nicht sehen kann, nicht erkennen kann, welche Wesen es sind, die das Ei gebiert.
Sie werden sich ergießen. In einer Welle herausströmen, mich überfluten, alles überfluten und über den brüchigen Boden in die Tiefe gelangen. In das Licht der Tiefe, in die Hitze der Tiefe und dort die Keime finden, die unten warten. Darauf warten genährt zu werden, von Sonne und Licht, von mir in mir. Der brüchige Boden liegt unter mir, zerbrochen, rissig, trocken. Auch er wartet darauf hervorzubringen. Mehr hervorzubringen, als den ewigen Dampf der Tiefe.
Die Blase platzt, das Zähe, das Weiche, das Nass des Eis fließt hervor, fließt mir vor die Füße und dringt tief ein. Tief in den Grund, auf dem wir stehen. Über ihm und mir schweben die Wesen, die sich mir immer noch entziehen, denen ich mich immer noch entziehe. Es sind die wilden Wesen, die Schatten, das Dunkle. Es sind die Bilder im Augenwinkel, die Gestalten auf den Augenlidern. Es stinkt und alles tanzt. Alles, das hervorgekommen ist. Als würde es sich freuen, dass bald mehr aus dem Boden hervordringen wird, das alles verändern wird. Die Oberfläche, die Oben und Unten nicht mehr zu trennen im Stande sein wird.
Ich weiß, dass ich in diese neue Welt geboren werde. Dass ich mit der Geburt der Wesen im Ei, mit der Geburt der Wesen der Tiefe in eine neue Realität geboren wurde. Weil es kein Zurück mehr gibt. Kein Zurück in das Ei. Kein Zurück der Wesen. Kein Zurück für mich.
Aus der Tiefe steigen, genährt von der Frucht des Eis, gefüttert von dem Licht in der Tiefe Lichtwesen hervor. Strahlend schöne Schattenwesen, die sich vor mir aufbäumen, die sich bis zu den Wolken erstrecken und über das Land legen. Es riecht nach Grün, nach Erde, nach Nass. Es riecht nach Neu. Es riecht nach mir. Es riecht nach Tanz. Nach Schweiß, nach Erregung und Aufregung. Alles ist neu. Ich bin neu. Ich sehe mich. Bin von innen nach außen geboren.
Text und Sprecherin: Magda Hassan