Das Unkraut
Das Unkraut wächst ohne Unterlass, wächst in die Unterwelt, wächst durch die Welt, in die Welt, über die Welt. Das Kraut will wachsen ohne Unterlass, immer tiefer, immer weiter, breiter, wächst und dehnt und streckt es sich. Will mehr und mehr und größer und stärker werden.
Der Mensch will es nicht, das Unkraut. Es sei zu stark. Zu willensstark, mit den Wurzeln in der Unterwelt. So reißt der Mensch. Reißt an dem Kraut, will es mitsamt seiner Wurzeln aus der Tiefe reißen, an die Oberfläche bringen, um es dort zu verbrennen. Er legt es in die sengende Hitze, legt es in die brennende Sonne – legt ans Licht, was nur im Dunkel genährt sein kann.
Das Kraut aber lacht darüber. Schüttelt sich und seine Pollen aus und weiß, dass es mehr ist. Mehr und mehr, stärker und breiter wird, je mehr der Mensch an ihm zieht und zerrt. Je mehr der Mensch es einzudämmen sucht. Das Unkraut aus der Unterwelt. Verbrennen will er es im eisernen Kübel, am trockenen Holz, am Scheiterhaufen wie zuvor die Hexen, die Leuchtenden, die Strahlenden. Die Starken, die Weisen, die Wissenden, mit ihren Wurzeln in der Unterwelt.
Doch auch wir breiten uns weiter aus, werden mehr und mehr, werden stärker und tiefer. Wir wissen um die Schönheit des Unkrauts. Wissen um seine Kraft. Wissen um unsere Verbundenheit. Wir lassen uns nicht ausreißen.
Text & Sprecherin: Magda Hassan