Im Flug
Der junge Vogel strampelt in der Luft, um dort zu bleiben, um oben zu bleiben. Er kämpft mit sich und gegen die Schwerkraft, denn alles will ihn zu Boden bringen, will ihn zur Bodenhaftung zwingen. Der Vogel kämpft dagegen an, kämpft gegen den Zwang. Er schwingt von außen nach innen, von innen nach außen und beflügelt sich, um gegen diese Gesetzmäßigkeiten anzukommen.
Dabei findet er ganz nebenbei andere Gesetze, die ebenso gelten wie die Schwerkraft. Die Gesetze der Luft, die Gesetze der Winde. Der Vogel wartet und studiert sie, lernt von ihnen, lernt, auf ihnen zu liegen, auf ihnen zu schweben, lernt, sich von der Luft ertragen zu lassen, tragen zu lassen. So gleitet er auf ihr, spielt mit ihrer Kraft, mit seinen Flügeln in ihrer Kraft. Er greift sie, hält sie, hält sich auf ihr.
Mit ausgebreiteten Flügeln spürt er die Luft zwischen den Federn zähflüssig werden. Er verstärkt den Druck und drückt schon bald die Luft und die Erde darunter in ihren Kern zusammen. Er stellt sich vor, wie er unter seinen breiten Schwingen die ganze Erdkugel schrumpfen lassen kann und stößt sich ab. Im Steigen beobachtet er, wie die Erde kleiner und kleiner wird. Als sie schließlich zur Gänze in sein Blickfeld passt, bleibt er in der Luft stehen und besieht sich sein Werk. Besieht sich die überschaubare Größe der Gesetzmäßigkeit, dann lässt er los. Er sinkt und die Erde wächst.
Für eine Weile spielt der Vogel mit der Erde, wie ein Kind mit einem Ball, den es zu Boden fallen lässt und fasziniert begreift, dass der Ball es ist, der mit der Schwerkraft spielt.
Text & Sprecherin: Magda Hassan