Kelch und Ritter

 

Eine Geschichte zum Bild “Knight of Cups” aus dem Tarot von A. E. Waite und P. Colman Smith.

 
Kelch und Ritter
Magda Hassan

Ich habe eine Geschichte zu erzählen. Die Geschichte eines Ritters, der auf seinem Schimmel sitzend voranschreitet. Schillernd glänzt seine Rüstung, gold der Kelch in seiner Hand. Ehrfürchtig hält er ihn vor sich. Vorsichtig bedacht, nichts zu verschütten, den Kelch nicht zu verlieren, nicht mehr aus den Augen zu verlieren. 

Zu lange hatte der Ritter, der damals noch keiner war, nach ihm gesucht. Er hatte Bücher befragt, Landkarten studiert, Gelehrte aufgesucht. Alle Hinweise hatte er zusammengetragen, gehortet, nebeneinander und übereinander angeordnet, von allen Richtungen betrachtet und zu durchschauen versucht. Er wusste, dass auch andere ihn suchten. Den Kelch, der ganze Meere in sich zu tragen vermochte. Den Kelch der Weisheit. Den Kelch der Ordnung. Den Kelch der Quelle. Er reiste weit, er reiste hoch, er reiste tief. Er bestieg die Berge, um in dunklen Höhlen nach dem leuchtenden Schatz zu suchen. Er verirrte sich in flüsternden Wäldern, verlor sich in fernen Ländern, tauchte in wütende Gewässer. Er fand Skelette, fand Zeichnungen und Erzählungen. Nur den Kelch fand er nicht. 

Das Pferd genoss die Ausritte. Das Rauschen des Grases, das Rollen der Steine, das Singen des Windes und die Stille der Sterne. Es lauschte den Geschichten der Vögel, die mit ihnen die Welt umspannten. Es liebte das Abenteuer, das Entdecken neuer Plätze. Auch wenn es nicht verstand, wonach sein Reiter suchte. Eines Nachts – der Reiter war längst eingeschlafen – träumte das Pferd vom ewigen Fluss, an dessen Ufer die Fischerin stand. Ihr freundliches Gesicht war rein wie der Himmel und bewegt wie das fließende Wasser. Sie roch nach Meer. 

Sanft trat sie näher und legte ihm ihre Hand auf die Stirn. Das Pferd schloss seine blauen Augen, spürte die Wärme unter der kalten Haut und sah, was sie ihm zeigen konnte. Es sah das Wesen des großen Ozeans in all seiner Tiefe, in all seiner Weite. Sattes Blau so dicht und vollkommen, dass es wie das Blau des Himmels schien. Fische schwebten darin. Schwebten in Schwärmen, die wortlos ihre Kunst vollbrachten. Magische Riesen ließen das Meer schwingen und klingen. 

Die Fischerin schob ihre Hand über den schwarzen Fleck über den Nüstern und das Pferd sah tiefer. Tief, tief am Meeresgrund leuchtete das Gold. Tief, tief vom Meeresgrund erhob sich das Gold. Tief, tief vom Meeresgrund stieg der goldene Kelch, umschwärmt von roten Fischen durch das Wasser gen Licht. Da tauchte eine Hand durch die Oberfläche, griff ins Meer und ergriff den Schatz der Tiefe. Sie hob ihn, zog ihn, gebar ihn aus dem Ozean.

Das Pferd schlug die Augen wieder auf.

Die Fischerin lächelte, hockte sich zurück an ihren Fluss und sang sein Lied. Dabei hielt sie ihre Hand beschwörend über die Wirbel, die sich nach kurzer Zeit in ihrem Körper fortzusetzen schienen. Dann tauchte sie ihren Arm tief, tief in das seichte Wasser. Für einen Moment hielt alles inne. Selbst der Wind schauderte. Als wäre ihr Sein durch ihre Wurzeln, ihren Körper, ihren Arm in den Fluss gesunken, hing die Fischerin einer leeren Haut gleich über dem Wasser. Als die Bewegung zurückkam, erwachte auch die Fischerin zu neuem Leben. Sie richtete sich auf, zog dabei ihre Hand aus dem Fluss und mit ihr den Kelch aus der Tiefe. Der Schatz wog schwer in ihrer Hand. Sie neigte ihn und entließ den Ozean zurück in den Fluss, so dass sich der Kelch von Neuem füllen konnte. Mit dem Kelch vor ihrer Brust trat sie vor das Pferd. Ihr Körper wiegte noch im Rhythmus der Wellen, schwappte sanft und ebenmäßig vor und zurück. Sie atmete laut, sie atmete tief. Einen Atem, der den Körper weitet. Einen Atem, der verschlossene Räume öffnet. Einen Atem, der seinerseits den Kelch umfing und mit starkem Griff mit sich nahm. Mit sich nahm und in den geweiteten Brustkorb legte. Sanft und sicher lag er dort. Lag er dort mit ihren Händen auf der Brust. 

Die Fischerin lacht.

Das Pferd erwacht. 

Nur der Reiter schlief und träumte. Träumte wie jede Nacht vom Kelch, von seinem Schatz. Nur dieses Mal war er ganz nah. Er griff sich an die Brust und merkte dabei, dass etwas anders war. Etwas, das alles verändern würde. Der Reiter blieb und spürte. Er fühlte, dass etwas nach außen wollte. Ein Schrei? Er schrie. Etwas bewegte sich. Etwas löste sich. Etwas, das zu lange verschlossen war. Etwas, das zu lange behütet war. Etwas, das zu lange ungesehen und unverstanden in seinen dunklen Tiefen lag. Umfangen und festgehalten von Rastlosigkeit, vom Drang zur Suche, von der Angst verloren zu sein. All das legte sich nun von außen nach innen in den Ozean des Kelchs, der sich sogleich mit dem goldenen Licht der Morgensonne aus der Brust des Reiters hob. 

Seit dem zieht der Ritter geschützt und schützend auf dem Rücken seines Pferdes durch das Land. Sie erkunden die hohen Berge, die wilden Wälder, die ruhigen Seen und bewegten Flüsse, aus deren Spiegel die Fischerin lacht. Wo immer der Reiter auf offene Ohren trifft, erzählt er die Geschichte vom goldenen Kelch und dem Ozean, der einst in ihm verborgen lag. 

Text und Sprecherin: Magda Hassan

Magda Hassan