Unvollkommen
Die Unvollkommene hatte sich auf jenen Teil der Mauer gestellt, der kaum höher als ein Vorsprung war. Von hier aus gebärdete sie sich, von hier aus versuchte sie, sich auszudrücken. Wild gestikulierend rief sie in Inbrunst und schrie: „Ich aber darf und will und werde nicht schweigen!“
Immer mehr Menschen blieben stehen, zögerlich, neugierig, manche gar hilfsbereit. Was war geschehen? Wovon war zu erzählen? „Ich werde nicht schweigen!“, rief sie wieder. Dann hob sie ihre Hand, als würde sie den Vorüberziehenden deuten, stehenzubleiben. Und viele folgten ihrer Geste. Hielten inne und warteten gebannt auf das, was kommen möge.
„Ich aber darf und will und werde nicht schweigen!“
Jedem Ausruf folgte die Hand, die sich unweigerlich in die Höhe hob und für Ruhe und Stillstand sorgte. Zumindest für den Bruchteil einer Sekunde. Dann fing alles wieder von vorne an. Manche schenkten dem Mädchen für einige Augenblicke ihre Aufmerksamkeit, ehe sie weiter zogen, weiter ihre Kreise durch den weitläufigen Park zogen, den sie Stadt nannten.
Nur wenige, ja einzelne, blieben länger. Blieben, weil sie sahen, was auf ihrer Hand geschrieben stand. In der Fläche ihrer bloßen Hand die von tiefen Linien gezeichnet war. Als wollten sie es mit diesen end- und zeitlosen Zeilen aufnehmen, standen dort vier Wörter, in schwarzen, dicken Lettern – so vehement geschrieben, wie die Wörter, die aus dem schmalen Mund des Mädchens drangen. Es bestand also kein Zweifel, dass sie es war, die den Stift geführt und wilde Striche zu Buchstaben geformt hatte.
Text: Magda Hassan