Wahrscheinlich Männer
Wahrscheinlich Männer
Beobachtungen aus dem Alltag
Ich war eigentlich immer gut in Mathe. Nur das mit der Wahrscheinlichkeit habe ich nie ganz verstanden. Obwohl sie jener Teil der in der Schule gelehrten Mathematik war, den wir am ehesten in unserem Leben brauchen könnten, sagten sie. Ich verstand es damals nicht. Heute denke ich daran. Denke daran, wenn ich im Zeichen der neuesten Vorfälle mein tägliches Handeln beobachte. Die Entscheidungen, die ich treffe, die Wege, die ich gehe. Allem gehen Berechnungen voraus. Unbewusst. Bewusst. Zahlenlose Berechnungen.
Es ist dunkel geworden. Welcher Weg nach Hause ist der sicherste? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit auf dem Weg in eine unangenehme Situation zu geraten? Ist es wahrscheinlicher auf der belebten Einkaufsstraße blöd angesprochen oder belästigt zu werden oder in einer Seitengasse? Mein ganzer Körper rechnet. Berechnet den sichersten Weg. Berechnet die Wahrscheinlichkeiten. Lange Zeit hat er es unbewusst und selbstverständlich für mich übernommen. Die Ängste und Ängstlichkeiten, Sorgen und Unsicherheiten. Diese ganz normale, meist unterschwellig mitlaufende Angespanntheit.
Die sich auch in den mütterlichen Fragen zeigen: Bist du gut nach Hause gekommen? Warum bist du so spät noch unterwegs? Geht es dir gut? Für sie ist es unvorstellbar, dass ihre Tochter in der Dunkelheit alleine unterwegs ist. Nicht unvorstellbar. Eine Horrorvorstellung. Denn ihre Wahrscheinlichkeitsrechnung fällt anders aus als meine. Wovor hast du Angst? frage ich sie. Frage ich mich.
Dann ist es kurz still. Ein Zögern. Ein Gap. Ein Luftholen. „Ich will nur, dass es dir gut geht“, sagt sie, sage ich zu mir. Nicht, weil ich nicht weiß, wovor ich Angst habe. Weil es zu viel ist, wovor wir Angst haben.
Die Wahrscheinlichkeit eines Flugzeugabsturzes ist um ein vielfaches kleiner als in einen Autounfall zu geraten. Es gibt Kriminalitätsquoten und Sicherheitsstufen. Wir berechnen Risiken. Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert. Heute weiß ich, dass ich ganz selbstverständlich meine Berechnungen anstelle. Schon als Kind habe ich begonnen, die schlimmsten für mich denkbaren Situationen durchzudenken. Um mich darauf vorzubereiten. Um gewappnet zu sein. Um zu wissen, was ich tue, wenn mich jemand verfolgt. Wenn ich laufen muss. Weglaufen muss. Wenn ich schreien muss. Weil mir jemand zu nahe kommt. Wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass etwas passiert, kann ich nicht berechnen. Was ich weiß, ohne es berechnen zu müssen ist, dass es immer Männer sind, die mich in diesen Bildern bedrohen. Auch wenn ich neutral über die Angst spreche. Ihr kein Geschlecht zuordne. Ich will ja nicht sexistisch sein, denkt etwas in mir.
Aber in all diesen Bildern, sind es Männer, die anpöbeln, angreifen, ansprechen, übergriffig sind. Einzeln oder in Gruppen. In der Stadt und außerhalb. Am Tag und in der Nacht.
Es ist die Stimme eines Mannes am Telefon, es ist der Tauchlehrer, es ist der Handwerker, der merkt, dass ich allein wohne, es sind die Freunde von Freunden. Es ist der am Spielplatz und der im Auto neben der Joggerin herfahrende wi**ende Mann. Es sind viele, die ich nicht (be)nennen kann. Es sind in meinem Fall keine großen Übergriffe. (Ab wann auch immer ein Übergriff als „groß“ zu definieren ist.) Es sind so wahnsinnig viele kleine und mittlere Grenzüberschreitungen, dass sie sich einprägen. Dass sie mich prägen. Dass sie mein Interagieren mit der Welt prägen.
Du bist doch eine selbstbewusste, selbstbestimmte, selbstständige Frau, sagt man. Sage ich. Sage ich mir immer wieder, um gegen diese Angststimme in mir anzureden. Um ein Gleichgewicht herzustellen, das mir die Unsicherheit nimmt. Ich bin in einem ständigen Gespräch mit mir selbst. Weil mir ständig gesagt wird, was „stark“, „bemerkenswert“ oder „cool“ ist. Alleine zu verreisen zum Beispiel.
„Ich bin immer schon alleine verreist“, sagt ein Mann. „Du solltest auch mal alleine reisen. Das bringt dich echt weiter“, ein anderer. Und ich fühle mich schwach, uncool, feig, weil ich es viel zu selten tue. Weil ich mich zwar danach sehne, alleine am Strand zu sitzen, mich aber bei dem Gedanken dann wirklich alleine dort zu sitzen, nicht wohlfühle. Nicht, weil ich alleine bin. Sondern, weil die Wahrscheinlichkeit besteht, dass ich nicht alleine bleibe. Weil die Wahrscheinlichkeit besteht, dass etwas passiert. Und da ist sie wieder, diese passive Formulierung. Dass „etwas“ passiert.
Als Frau alleine unterwegs zu sein, heißt für mich, dass schon Blicke zu Schwierigkeiten führen können. Schaue ich zu ängstlich, könnte ich als Beute angesehen werden. Schaue ich offen oder stark („aggressiv“) können meine Blicke als Aufforderung oder Provokation gesehen werden. Als „Einladung“, mich anzusprechen. „Jetzt lach doch mal.“ „Jetzt sei doch nicht so.“ Während Männer schauen und schauen und schauen. Scannen, mustern, beurteilen. Ich scanne mein Umfeld, um alles wahrzunehmen und um zu sehen, wo ich hinsehen kann.
Männer und Frauen haben unterschiedliche Blicke auf die Welt. Andere Zugänge zur Welt.
Ich fahre also alleine weg, weil ich mich nicht einschränken lassen will. In eine Stadt, ohne Strand. Mit einem Zimmer im Zentrum. Nicht zu abgelegen. Und löse damit bei meinen weiblichen Verwandten trotzdem Ängste und Unsicherheiten aus: „Das tut man (also eine Frau) einfach nicht.“ „Das ist doch gefährlich.“ „Was machst du nur!“ Welche Bilder sehen sie? Was kann mir passieren? Was stellen wir uns gerade vor? Warum sehen wir diese Bilder nicht, wenn ein Mann alleine verreist?
Weil die Gefahr von Männern ausgeht.
„Wovor hast du Angst?“, fragt mich ein Mann. Und ich weiß nicht, wo anfangen.
Und wie mir das alles so bewusst wird, denke ich auch, wie privilegiert ich bin. Wie dankbar (!) ich sein muss und bin, in Österreich leben zu können. In einem der sichersten Länder der Welt. Ich denke an all die Frauen, die tatsächlich zum Objekt erklärt wurden. Die besessen, vergewaltigt, verstümmelt wurden/werden. Und ich bin sprachlos. Und in diese Sprachlosigkeit denke ich, wie ich mich über meine kleinen Einschränkungen beschweren kann in Anbetracht dieses unfassbaren Monstrums von Gewalt gegen Frauen, das es weltweit gibt.
Aber vielleicht müssen wir gerade aus diesem Freiraum heraus etwas tun.
Gerade weil wir uns bewegen können. Weil wir eine Stimme haben. Weil wir uns verbinden können. Weil wir etwas bewegen können. Müssen wir nicht genau über die „Kleinigkeiten“ sprechen, die den Boden bereiten? Um Unbewusstes bewusst zu machen. Um Unbedachtes denken zu können. Um eine neue Normalität zu prägen. Um früher etwas tun zu können. Damit nicht erst etwas „Großes“ passieren muss.
Und schon habe ich eine neue Angst. Dass das Aufzeigen dieser Missstände instrumentalisiert werden könnte. Etwa in der Flüchtlingspolitik. Und da ist es schon passiert. Und da ist sie schon wieder, diese Wut, die sprachlos macht.
Männer, es geht um euch. Nein, es geht nicht darum, dass wir Frauen von euch beschützt werden wollen. Es geht darum, gemeinsam eine Gesellschaft zu sein, in der es normal ist, dass Frauen alleine unterwegs sein können, ohne ihre Blicke steuern zu müssen, ohne Angst haben zu müssen.
In der Frauen gehört werden. In der Frauen wütend sein dürfen. In der sie nicht kleingeredet werden. In der auch Frauen frei und offen leben können.
Reflektiert euer Verhalten. Beobachtet euch. Hört Frauen zu. Versetzt euch in ihre Lebensrealität. Lest ihre Bücher. Das sind ganz andere Maßstäbe. Ganz andere Voraussetzungen. Eine ganze andere Kulisse.
Seid neugierig. Seid kreativ. Sprecht miteinander.
Es geht um euch. Es geht um eure Geschichte. Schreibt ihr nicht mit, spielt ihr mit.
Nein, nicht alle Männer. Aber sehr wahrscheinlich Männer.