Begegnung im Ich

Begegnung im Ich

Du sitzt mit deinen vergangenen Ichs an einem langen Tisch, der sich zu deiner linken erstreckt. Es fühlt sich so an, als wären sie deine Töchter. Sie sind jünger als du. Kleinkinder, Jugendliche, junge Erwachsene. Vielleicht ist auch ein Baby dabei.

Es herrscht einige Unruhe am Tisch. Du siehst und verstehst, was jede einzelne gerade beschäftigt. Als wären sie deine Töchter, kannst du sie lesen, sie erkennen und sehen, womit sie gerade kämpfen. Vielleicht ist es Wut, Traurigkeit, Scham oder Verzweiflung.

Manche lachen vielleicht und sind übermütig.

Du siehst und verstehst, was sie gerade bräuchten. Welche Sorgen sie haben. Und welche Bedürfnisse. Am liebsten würdest du ihnen alle Sorgen nehmen. Ihnen sagen, wie sie aus einer Situation herauskommen, was sie anders machen sollen, wie sie besser sein können. Aber du spürst intuitiv, dass das nicht funktionieren würde. Dass sie deinen Rat, deine Vorschläge nicht einfachen übernehmen können. Vielleicht hast du es schon oft genug versucht. Vielleicht spürst du, dass auch du Ratschläge nicht so einfach annehmen kannst.

Also schweigst du und siehst noch einmal in die Runde. Manche sind ruhig und vermeiden den Augenkontakt. Andere streiten und zanken sich. Wieder andere beschäftigen sich, räumen am Tisch herum.

Du spürst: Du willst ihnen keine Ratschläge geben. Du willst ihnen nicht sagen, wie sie ihr Leben gestalten sollen. Du willst sie einfach deine Liebe spüren lassen. Du willst, dass sie zur Ruhe kommen können. Ankommen können. Einfach sein können. Nichts muss sein. Auch keine Heilung, keine Lösung.

Du möchtest sie einfach daran erinnern, wie großartig sie sind. Wie richtig und perfekt und wertvoll. Du spürst die Liebe in dir. Und umarmst sie alle mit deiner ruhigen, starken Liebe. Und sie, all deine Töchter, all deine vergangenen Ichs, kommen zur Ruhe. Gesenkte Blicke heben sich. Wut verfliegt, lichtet sich. Aufgestaute Energien ordnen sich.

Alles kommt zur Ruhe. Wirbelsäulen richten sich auf. Blicke treffen aufeinander. Ihr lächelt einander zu. Dankbar, dass ihr hier zusammen seid.

Als du noch einmal in die Runde schaust, erkennst du dich als Tochter deiner vergangenen Ichs. Denn sie haben dich hervorgebracht. Durch alles, was sie erlebt haben, jede Erfahrung, jedes Erlebnis, jede Handlung, bist du entstanden.

Du fühlst Dankbarkeit für alles, was sie sind. Für jede einzelne deiner vergangenen Ichs. Für jede schwierige Situation, die sie auf ihre Weise meistern, durchleben. Für jede Facette deines Seins.

Du erkennst, dass viele ihrer Ängste, Widerstände, Sorgen aus der Angst entstammen, in deinen Augen - in den Augen ihres zukünftigen Ichs - zu scheitern, zu versagen.

Du erinnerst sie daran, dass du ihre Tochter bist. Dass du aus ihnen hervorgegangen bist. Du lässt sie spüren, dass du sie nicht verurteilst. Dass du nur nicht mitansehen kannst, wie sie leiden. Dass du ihnen nur helfen willst, mit deinen Ratschlägen.

Du erkennst, dass jetzt nichts zu reparieren ist, weil ihr friedlich und stimmig am gleichen Tisch sitzt. Du erkennst, dass sie stark sind. Dass sie ihr Leben gestalten. Dass es vielen von ihnen gut geht. Und auch jene, die es gerade nicht leicht haben, in diesem Moment mit dir an diesem Tisch sitzen.

Es ist nichts zu tun.

Du schickst ihnen die Liebe, die du deinen Töchtern schicken würdest.

Du schickst ihnen die Dankbarkeit, die du deiner nährenden Mutter schicken würdest.

Jetzt erkennst du, dass der Tisch länger ist, als du bisher wahrgenommen hast. Er erstreckt sich zu deiner rechten zu einer noch längeren Tafel.

Auch hier sitzen Frauen, die du sofort erkennst: Sie sind deine zukünftigen Ichs. Und sie alle sehen liebevoll zu euch. Später wirst du mit ihnen sprechen. Einzeln ihren Erzählungen lauschen. Ihren Standpunkten und Erfahrungen. Im Augenblick spürst du die Kraft der Verbundenheit all deiner Ichs.  Du spürst wie sie alle - deine vergangenen und deine zukünftigen Ichs - zu dir stehen.

Bedingungslos.

Wenn du nicht weiter weißt, werden sie dir Zeichen schicken.

Sie sind deine Intuition.

Sie sind das Wissen.

Sie leiten und geleiten dich, wenn du das willst.

Du kannst dich jederzeit mit ihnen verbinden.

Du wirst sie hören.

Du wirst ihre Ratschläge hören und zu verstehen lernen, was ihnen zu Grunde liegt. Ob sie von einem vergangenen oder einem zukünftigen Ich stammen. Ob Wissen oder Angst zu Grunde liegt.

Sind die Ratschläge Folge einer Angst oder Sorge aufgrund einer negativen Erfahrung aus der Vergangenheit, wirst du dich mit deinem vergangenen Ich verbinden und es in seiner Angst umarmen.

Du wirst sie spüren lassen, dass du aus dieser Situation hervorgegangen bist. So gibst du ihr die Sicherheit, dass etwas Gutes wächst. So gibst du ihr Mut.

Mut und Zuversicht.

Denn das ist es auch, was du von deinen zukünftigen Ichs bekommst.

Das Wissen, dass es sie gibt.

Das Wissen, dass das JETZT nicht endgültig ist. Dass das Gute wächst.

Das Wissen, dass du die Gegenwart gestalten kannst.

Dass du für deine zukünftigen Ichs die Bausteine legen kannst, auf denen sie weiter aufbauen können oder zur Ruhe kommen können.

Wenn du dir jetzt etwas Gutes tust, wird es dir dein zukünftiges Ich danken.

Lass dich von deinen zukünftigen Ichs leiten.

Fühle ihre Gegenwart. Begegne ihnen.

Sie sind alle bei dir.

Magda Hassan