Heldentat

Heldentat

Das Schwert an seinem Hals ließ Davids Nackenhaare zu Berge stehen. So kalt war es. Die Kälte durchfuhr ihn, lief über seine Schulter und den Arm bis zu der Hand, in er das Schwert trug. Das Schwert mit dem er gerade eben erst den Riesen erschlagen hatte. Dessen Kopf er immer noch trug. In dessen Haare sich seine Finger gruben. Der Kopf sei der schwerste Körperteil des Menschen, hatte ihm seine Mutter eingeschärft, als sein Bruder zur Welt gekommen und noch zu schwach gewesen war, um ihn alleine zu tragen, seinen Kopf. Also hatte David ihn gestützt. Gehalten. 

Jetzt hielt er den Kopf des Riesen in seiner Hand. Hielt ihn an seinen Haaren in die Luft, so wie er ihn auch gehalten hatte, als er das kalte Schwert durch seinen Hals gezogen hatte. Es war einfacher, als er gedacht hatte. Das mag an der Hitze seines Blutes gelegen haben, das ihm sein wildes Herz durch den Körper geschossen hatte. Oder an dem Schwert, das zuvor in gesegnetes Wasser gelegt worden war. Schließlich waren sich alle einig gewesen, dass einer sterben musste. Nur deshalb ließ der Pfarrer es zu, dass das Schwert in das heilige Becken getaucht wurde. 

Alle waren sich einig. Nur David hatte keine Stimme. Ausgerechnet er wurde nicht gefragt. Er war schließlich der Held, der seine Rolle zu erfüllen hatte. Es stand geschrieben. Seit jeher stand es geschrieben. Wer es geschrieben hatte, wusste längst niemand mehr. Diesen kleinen Makel nahmen sie in Kauf. Es kam ihnen einfach zu gelegen, dass es geschrieben stand. Also musste David herhalten. Herhalten und ausziehen, um den Riesen zu erschlagen. Der Held. Und als hätten sie es geahnt, dass der Held Befehle gerne hinterfragte, trugen sie ihm auf, den Kopf zu bringen. Als Beweis für seine Heldentat. Und David tat, was Helden taten: Er zog aus, um den Riesen aufzusuchen. 

Er packte seinen Beutel und ging unter den staunend ehrfürchtigen Blicken der anderen los. Aus dem Stadttor hinaus, über den Steg auf den Weg, der ihn in den dichten Wald bringen würde. Am Eingang zum Wald blieb er stehen. So sehr liebt er den Anblick des vor ihm liegenden Grüns. Das Grün, das sich vor ihm, für ihn öffnete. Er genoss die vielen Töne des Waldes, die Farbtöne der Blätter, der Schatten, des hereinfallenden Lichts. Er hörte das Rauschen, das Flüstern und Wispern. Oft kam er hierher und hörte und staunte. „Eines Tages„, dachte er, „werde ich dich malen.“ Genau hier. Genau an diesem Platz. Den Eingang zum magischen Wald, in dem der Riese wohnte. 

Doch zuvor tat er, was Helden taten: Mutig schritt er in das mächtige Maul des Waldes und ließ sich von ihm schlucken. Im Dickicht fand er sich schnell zurecht. Gut kannte er diesen Wald. Er stieg über Wurzeln, strich über die Stämme der riesigen Bäume, wie um sie zu begrüßen. Leise sang er die Melodien der Vögel über sich und folgte den Sprüngen der Eichkatzen. 

Tief, tief im Wald fand er die Lichtung des Riesen. David versteckte sich hinter einem Baum. Der Riese hatte Feuer gemacht und einen Kessel darüber gehängt. Auf einem Stein, der ihm als Tisch diente, standen zwei Becher bereit. Ein großer und ein kleiner. 

David beobachtete die Szene für eine Weile. Was hatte der Riese dem Dorf eigentlich getan? Klar hatte er Hühner gestohlen. Nachdem ihm der Bauer keine Eier mehr verkaufen wollte. Das Gold hatte er ihm auf die Türschwelle gelegt. Ähnlich war es ihm beim Schmied mit dem Kessel geschehen. Und beim Lederer. Aber er konnte ja nicht ohne Schuhe und Schurz herumlaufen! Oder lag es daran, dass die Kinder so gerne mit ihm gespielt hatten, dass sie ihre Pflichten im Haus übersahen? Dafür hatte er ihnen das Lesen und Schreiben beigebracht. Vielleicht hatte es den Männern im Dorf auch einfach nicht gefallen, dass er ihre Dächer reparierte oder den Ochsenkarren befreien konnte, wenn dieser wieder einmal feststeckte. Vielleicht hätten sie das gerne selbst geschafft und die bewundernden Blicke der Frauen geerntet. Vielleicht war es ihnen lieber, wenn keiner half. Wenn es keinen gab, der sie dazu brachte, sich klein zu fühlen. 

Also vertrieben sie ihn, schoben ihn mehr und mehr aus dem Dorf hinaus. Er hatte keinen Widerstand geleistet. Tat, was sie wollten und zog in den Wald. Er war keine Kämpfernatur und die Natur liebte er sehr. Ihnen aber war es nicht genug. Vielleicht war es das schlechte Gewissen, das sie dazu bewog, schlechte Geschichten über ihn zu erzählen. So lange, bis sie sich selbst glaubten. Bis sie selbst daran glaubten, dass er die Dächer beschädigt, die Kinder verdorben und die Frauen verführt hatte. Und die Geschichte ging weiter. Musste weitergehen. Das hatten Geschichten schließlich so an sich. Dass ihr Ende nie ein Ende ist. 

„Komm ruhig raus. Ich habe Tee gemacht“, rief der Riese. 

Geknickt lächelnd trat David auf die Lichtung, setzte sich an den Stein und musterte seinen Freund. 

„Warum nennen sie dich eigentlich Riese? So groß bist du ja gar nicht.“

Der Riese lächelte. „Das hab ich wohl den Kindern zu verdanken. Erinnerst du dich noch an das Schattentheater?“

Natürlich erinnerte sich David. Lebhaft sah er die Figuren vor sich, die der Riese an die Wände der Häuser gezaubert hatte. Nicht nur die Kinder waren fasziniert von seiner Magie. Kleine Fingerspiele wurden zu großen Szenen mit riesigen Helden und Heldinnen. Und er ließ auch die Kinder ins Licht treten, wo sie mit ihren Schatten über sich hinaus wachsen konnten. Das Schattentheater zeigte ihnen, dass man nicht groß sein musste, um Großes zu bewirken. Die Kinder riefen ihre Schatten bald auch zuhause zu Hilfe, wenn sie sich gegen die sinnlosen Regeln der Eltern wehren mussten. David lachte bei dem Gedanken daran, wie sich so mancher darüber geärgert hatte wie ein Rumpelstilzchen. 

Wahrscheinlich hatte damals alles angefangen. Die Kinder, die zuhause von ihrem Freund, dem Riesen, und seinem Schattentheater erzählt und so den Namen auch ihren Eltern in den Mund gelegt hatten. Die übernahmen ihn - erst boshaft, dann böswillig. Manches bleibt. Geschichten verselbstständigen sich und so geschah es, dass David bald der einzige war, der den wahren Namen noch kannte. 

Der Riese sah auf das Schwert, das David neben sich gelegt hatte. In seiner Klinge spiegelte sich das Feuer. Er goss den Tee in die beiden ungleichen Becher. 

„Ich weiß, warum du heute da bist. Und ich bin froh, dass DU es bist.“

So saßen sie eine Weile und tranken schweigend ihren Tee. 

„Muss es denn so sein?“, fragte David schließlich als sein Becher leer war. 

„Es gibt keinen anderen Weg. Die Menschen brauchen diese Geschichte. Sie brauchen den Helden, der den Riesen bezwingt.“

„Wir könnten die Geschichte doch umschreiben. Wir könnten eine neue Geschichte erzählen“, Davids Stimme schwankte. 

„Das können nur die Geschichtenerzähler. Du bist der Held. Ich bin der Riese. Erschlägst du mich nicht, werden sie mich – und vielleicht auch dich – mit Fackeln holen. Und davor fürchte ich mich sehr.“

David wusste, dass der Riese recht hatte. So oft waren sie hier am Feuer gesessen und hatten alle Möglichkeiten durchgespielt. Nichts half. Egal wie hilfsbereit, freundlich, ehrlich der Riese war, er kam nicht aus seiner Rolle. In ihren Augen blieb er der Riese. 

„Sie brauchen diese Geschichte“, wiederholte er. „Sie brauchen die Hoffnung, dass ein Held sie von ihrem Elend befreien wird. Befreien kann. Von der Bedrohung. Und dazu brauchen sie eine Bedrohung. Etwas Überstarkes, etwas Riesiges. Mich.“ Der Riese zuckte mit seinen Schultern. 

So oft waren sie es durchgegangen. 

„Ich will kein Held sein“, flüsterte David. 

Wenig später löschte David das Feuer und machte sich auf den Weg zurück ins Dorf. Den Kessel packte er zusammen mit den anderen Habseligkeiten seines Freundes in dessen Unterstand. Den kopflosen Körper vergrub er unweit der Feuerstelle zwischen den Bäumen. An das Kopfende des Grabes legte er einen handgroßen Stein. David fiel. Er spürte es: Er hatte sich selbst getötet. 

Die ewige Leere tragend, kämpfte er sich wieder auf. Der Stein, auf den er den Kopf gebahrt hatte, schimmerte rot in der sich senkenden Sonne. David griff tief ins Haar seines Freundes und machte sich mit ihm auf den Weg durch den Wald. Über Wurzeln stiegen sie, an Bäumen hielten sie sich – wie zum Abschied. Aus dem offenen Hals troff immer noch das nicht enden wollende Blut und legte eine Spur durch den Wald. Gut kannte er ihn. 

Als sie ins Freie traten, sahen sie sich noch einmal um. Der tiefgrüne Schlund hatte sie wieder ausgespuckt. Schön sah er aus. Nur dieses Mal blutete er. „Eines Tages wird dich jemand malen“, flüsterte David. 

Im Dorf jubelten ihm die anderen zu. Ihm und dem Kopf in seiner Hand. Später würden sie erzählen, wie unerschrocken David vor ihnen gestanden war. Wie unberührt und stark. Wie lässig er das Schwert über seine Schulter gelegt hatte, würden sie erzählen. 

Das kalte Schwert ließ seine Nackenhaare zu Berge stehen. David fühlte noch den Widerstand, den ihm der Hals seines Freundes geboten hatte. Den sanften Widerstand des Fleisches, der Wirbel und Sehnen. Er spürte ihn noch. Durch das Schwert in seiner Hand an seinem Hals. 

„Da habt ihr euren Helden!“, rief David ihnen zu. Dabei hob er den Kopf in seiner Hand ein wenig höher. Seine Finger immer noch tief in den Haaren vergraben. Die Menge verstummte. David spürte die Schwärze hinter sich. Die Kälte des Schwertes. Das Gewicht seiner Schuld. Der Kopf war der schwerste Körperteil. Er schloss die Augen. Ich will kein Held mehr sein, pulsierte es in ihm. Schrie es in ihm.

Erst als sein Schwert seinen Hals durchdrang, riss David seine Augen wieder auf. Ein einziger Hieb. Ein bestialischer Schrei.Dann rollten die Köpfe und warfen Schatten an die Wände, die der Riese einst verzaubert hatte. 

Mir wird gesagt, das es nicht möglich sei, dass sich David selbst den Kopf abschlägt. Sie hätten die Stelle der Erzählung wieder und wieder gelesen, um sie zu verstehen. Um sicher zu gehen, sie auch richtig verstanden zu haben. Mich richtig verstanden zu haben. Und ich sage dir, dass ich es oft genug gesehen habe. Wie sich der Held selbst um den Verstand bringt. Wie er sich mit einen eigenen Waffen schlägt. Erschlägt. Weil er anders aus der ihm auferlegten Rolle nicht herausfindet. Weil er keinen anderen Weg sieht, keine anderen Mittel in die Hände bekommen hat, als das Schwert, das für ihn geschmiedet wurde.

„Ich schlage dich zum Helden“, haben sie dabei gerufen und er ging in die Knie, um den Vertrag zu unterzeichnen, um seine Rolle anzunehmen, ohne ein Wort dazuzusagen.

Also ja, darin besteht kein Zweifel, es ist möglich und vielleicht sogar notwendig, dass sich der Held selbst den Kopf abschlägt.

Magda Hassan, Jänner 2026

Magda Hassan