Der Riss
Der Riss
Die Vögel waren die ersten, die den Riss wahrnahmen. Sie stoben erst kreischend davon, bevor sie sich vorsichtig wieder näherten und durch den warmen Aufwind flogen. Der Riss zog sich von Haus zu Haus, über Gärten, Felder und Wälder. Auch über den See und das Meer führte er. Die Fische passten sich der neuen Wellenlänge rasch an, die Fischer benötigten dafür länger. Manche schafften es gar nicht und hängten an diesem Tag ihren Beruf an den Nagel, ohne recht zu wissen warum. Andere verließ der Glaube erst später. Nur wenige verstanden den Riss und ließen ihn zu.
Hannah traf der Riss in ihrer Mitte. Sie presste gerade ihren Rücken auf den Grund, als dieser unter ihr nachgab, sich ein stückweit öffnete und Hannah einsank. Nur ein wenig. Gerade soweit, dass es sie aus ihren Gedanken riss. Es fühlte sich beinahe so an, als würde sie aus einem tiefen Schlaf erwachen. Beinahe. Wäre da nicht die Gewissheit, dass sie nicht geschlafen hatte. Der Schwindel, den Hannah verspürte, als sie aufstand, stabilisierte sie. Von allen Seiten stützte er sie und hielt sie aufrecht am Grund. Sie versuchte die Augen zu öffnen, da erst fiel ihr auf, dass sie bereits offen waren. Ihre Arme suchten nach Halt und fanden ihn in der Luft. Sie hielt sich, streckte sich, stieg von einem auf das andere Bein und lernte zu gehen. Der Riss bewegte sich unter ihr, breitete sich dorthin aus, wohin sie ging. Oder bewegte sie sich dorthin, wo er verlief? Erst spürte sie ihn nur unter sich. Erst später bemerkte sie, dass er seitlich an ihr empor gewachsen war. Sie hob ihren Kopf und sah über sich. Sah, dass sich der Riss weit in den Himmel erstreckte.
Die Menschen nahmen Hannah in diesen Tagen kaum wahr. Und auch Hannah fiel es schwer, die Körper der anderen zu erfassen. Wie aus dem inneren einer Fata Morgana erkannte sie die Schatten außerhalb. Manchmal streckte sie sich ein wenig, kniff ihre Augen zusammen und versuchte scharf zu stellen. Doch immer war es schon zu spät, der Schatten vergangen und alles still. Nur das Knistern blieb. Ein fernes Geräusch, das zu einem Rauschen wuchs und lauter wurde je länger sich Hannah im Riss aufhielt. Sie schob sich durch den Tunnel, berührte immer öfter die Oberfläche, die ihre Hände mühelos umfing.
Sie erreichte die Klippe an der Exxon gestanden war als die Sonne sich gerade vom Horizont gelöst hatte. Hannah blieb an der steinernen Kante stehen. Vor ihr füllte sich die Leere weiß. Es floss und stieg und war bald so dicht, dass selbst die Sonne nur noch zu erahnen war, nur ihr Licht flutete den Nebel. Welches Bild würde sie hier abgeben?
Exxon kletterte an der Klippe hinab während Hannah fiel. Er bog und streckte seinen Körper gekonnt, von einem Stein zum anderen, von einem Riss zum nächsten Spalt. Seine schmalen Finger bohrten sich in das Hart, während seine Schulter hielten und seine Haut sich spannte. Hannahs Fall bemerkte er nur im sich verändernden Licht des Nebels. Einen Schatten nahm er wahr, am Rande, dann ganz.
Exxon streckte die Sehnen seiner Haut entgegen. So lange bis er nicht mehr war, sich ganz in seiner Gestalt aufgelöst hatte. Er stand in dem Raum, der gerade noch an ihm vorüber geflogen war. Ohne Zeit stand er in dem Dunkel und spürte dem Beben nach, das aus weiter Ferne näher kam.
Text und Sprecherin: Magda Hassan